Angefangen hat es mit einem Totenkopf. Ich saß am Schreibtisch und wartete auf eine Idee. Mein Blick fiel auf eine Fotografie, auf der ein menschlicher Schädel zu sehen ist. Ich schaute in die schwarzen Augenhöhlen, studierte die eine und einzige Lücke im Lachen der verschlossenen Zahnreihen, das souveräne Kiefergelenk und da war sie (die Idee): Ich gehe in die Gruft! Zu den Obdachlosen! („Die Gruft“ ist ein Betreuungszentrum für akut wohnungslose Menschen in Wien.) Und meine Eindrücke stelle ich in ein Internettagebuch! Titel: AUF DER STRASSE IST AUCH EIN WEG. In der Gruft war zwar kein Platz für mich (soll heißen: im Feber 09 war der Bedarf an Ehrenamtlichen gedeckt), aber die Idee war da und Obdachloseneinrichtungen gibt es viele. Ich begann in verschiedenen Notschlafstellen mitzuarbeiten und meine Erfahrungen, Gedanken, Fragen, Hilferufe in ein Blog zu werfen wie gewürfeltes Gemüse in einen 10 Liter-Topf (so groß sind die Töpfe für die Eintöpfe dort). Mittlerweile hat mein Eintopf die 10-Liter-Marke längst überschritten und der Begriff Obdachlos lässt sich längst nicht mehr auf Parkbänke, unter Brücken und in Notschlafstellen aus/eingrenzen, nicht einmal vom (W)Ort Zuhause lässt er sich mehr trennen, das Etikett „wohnungslose Menschen“ ist jetzt nur mehr eines von vielen Gesichtern dieses UnwOrtes, das/der so riesig ist wie die Straße lang ist und es tauchen laufend neue auf, Freigeister, Weltenwanderer, Pilger, Straßenkinder … wie Gemüsewürfel, auf der Straße gibt es keine Topf- und keine Buchdeckel, sie ist endlos wie der Himmel, mein Blog bekommt immer mehr Räume, Winkel, ich sage Literatur Leben dazu. Umrühren. Wer will, kann sich nehmen.

BLOG

Was ist ein Blog? Etwas wie ein Schreib-, Mal-, Notizblock, nur nicht aus Papier und die Seitenzahl ist nicht begrenzt. Und wo bei einem (Papier)Block der Anfang ist (sprich: die erste, oberste Seite für den zeitlich ersten Eintrag), ist bei einem Blog das Ende (sprich: der zeitlich jeweils letzte Eintrag steht immer auf der ersten, sprich: obersten Seite). Da aber die Seitenzahl eines Blogs nicht begrenzt ist, gibt es keine letzte Seite, nur einen jeweils letzten Eintrag, der als zeitlich jüngster als allererster aufscheint, bis ein noch jüngerer ihn auf diesem Stockerlplatz ablöst und er auf den darunterliegenden wandert. Das heißt, ein Blog würde sich als (Schreib)Block für eine unendliche Geschichte eignen, ein unendliches TageBuch, für unendlich viel eignet sich ein Blog, auch für Dialoge, Diskussionen (würde es sich eignen, würde der Server, auf dem es liegt, zulassen, dass es sich die notwendigen Aktualisierungen für den Spamschutz aus dem Internet holt = im Moment mein Problem, daher heißt es bei den einzelnen Artikeln bis auf Weiteres leider: Comments are closed). Die ganze Welt könnte sich auf einem Blog treffen. Laut Wikipedia „eine Wortkreuzung aus World Wide Web und Log für Logbuch“. WeBLOGbuch. Daher auch der irritierende Artikel das.
Warum diese Form des Schreibens? Weil sie zum Thema passt und zu mir. Sie ist die niederschwelligste und unmittelbarste Form des Schreibens, die ich kenne. Kein Verlag, kein Buchdeckel, kein Kaufpreis. Für „jedermensch“ jederzeit zugänglich. Erleben, Schreiben, Lesen. Von der Hand in den Mund. Die einzige Schwelle: der Schritt ins Web. Diese Schwelle ist heftig. (Zumindest für mich als Über-Fünfzigerin.) Am offenen Meer ist der Boden unter den Füßen weit weg. Und es ist gut möglich, dass dieses Blog im Web verschwindet wie ein Sandkorn in der Wüste. Trotzdem ist es da und wird mit jedem Eintrag größer. Und es wächst nicht nur, es ist eine Seite von einem viel größeren Buch, einem riesengroßen Buch, weil es verbunden ist mit anderen Seiten und den Leser mit ihnen verbindet und er von dort aus weiter kann und weiter, wenn er will. Ohne Ende. Das ist ein sehr einfaches Bild, hirnrissig einfach und nur ein Punkt wie das World Wide Web, kurz Web oder WWW, wörtlich “weltweites Gewebe” nur eines der vielen Netzwerke im Internet ist.
Übrigens: Das WWW ist als Projekt am CERN entstanden. Irgendwo auf dessen Website heißt es: “… a website is like a telephone; if there´s just one it´s not much use.” Trotzdem ist es das Telefon, das Telefonie möglich macht, die Seite, die zusammen mit anderen Seiten ein Buch ergibt, hervorbringt ist besser, das Buch ist mehr als die Seiten, aus denen es besteht, etwas anderes, eigenes. Trotzdem gehört jede Seite dazu, ist wichtig. Individualität ist wichtig. Gestalt, Form, Farbe, Energie, Unsicherheit. Der Unterschied. Ohne Gegen-Sätze kein Dialog, keine Spannung, kein Buch.