Gehört Schweigen auch dazu?

Zum Schreiben ?

Wie die Leere des Papiers zwischen den Pinselstrichen?

Wie die Müdigkeit nach einem Nachtdienst in der Notschlafstelle und der anschließenden Vorbereitung eines jungen Ehepaares (sooooooo lieb) aus Afghanistan auf die Verhandlung nächste Woche vor dem Bundesverwaltungsgericht?

Unbedingt.

Superkonzert in einer Notschlafstelle

Ein Live Music Now Konzert.

Live Music Now wurde in den 70er Jahren von Yehudi Menuhin gegründet und organisiert eintrittsfreie Konzerte in Krankenhäusern, Altersheimen, Flüchtlingslagern, Gefängnissen etc., also überall dort, wo Menschen leben, die selbst nicht ins Konzert gehen können, für die aber Musik hilfreich sein kann. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, auf höchstem Niveau interpretierte Musik an ein möglichst großes Publikum heranzutragen, das nur schwer Gelegenheit hat Musik zu hören, und jungen Musikern (bis zum Alter von 29 Jahren) die Möglichkeit zu geben vor Publikum aufzutreten und ihre Fähigkeiten dabei zu entwickeln.

Zwei junge, engagierte Künstler, Akkordeon und Saxophon. Herrliche Musik. Ein begeistertes Publikum. So funktioniert MITEINANDER.

Es wäre so einfach, könnte ich mich für eine Seite entscheiden

Dann könnte ich zufrieden in mir ruhend sagen: Ja. Ich bin Flüchtlingshelferin. Ich bin eine von den Guten, die darauf schauen, dass der Rechtsstaat ein Rechtsstaat ist und bleibt, dass die Menschenrechte geachtet werden, dass die Flüchtlinge ein faires Verfahren und den ihnen zustehenden Status bekommen und beschützt werden vor der Inkompetenz der Sachbearbeiter des BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl).

Aber in dem Augenblick, in dem ich daran denken würde, das zu sagen, würde mir unsere eigene dürftige Kompetenz um die Ohren fliegen, die auf Seiten der vielen jungen Leute, die sich in diesem Bereich engagieren, zwar gepaart ist mit unheimlich viel Liebe und bewundernswerter Hingabe, das juristische know how in diesem asylrechtlichen Gestrüpp hält sich bei vielen aber in recht engen Grenzen. Und bei mir entdecke ich zusätzlich, dass mir auch die Liebe fehlt und die Hingabe. Ich ertappe mich vielmehr dabei, dass ich den Leuten ihre Geschichten nicht glaube oder, dass ich sie zwar glaube, mir aber denke: Na und? Wieso sollen wir in Europa es ausbaden, wenn sich in Afghanistan die Leute wegen ein paar m2 Steinwüste in einem Familienkrieg umbringen? Und dann gibt es auch die, die ich nicht verstehe und nicht achte, wie z.B. den jungen Mann heute, der eine Frau einer anderen Volksgruppe heiratet, obwohl er weiß, dass das in dem Land, in dem er zuhause ist, für seine ganze Familie lebensgefährlich ist. Ergebnis dieser Heirat (wenn seine Geschichte stimmt): Vater und Bruder wurden entführt (und getötet?), er ist mit Frau und Mutter und Schwägerin samt Kindern in den Nachbarstaat geflohen, wo die Frauen und Kinder jetzt ausharren müssen, während er hier als Flüchtling anerkannt werden will. Wenn ihm das gelingt, kann er seine Frau nachholen und hier mit ihr in Ruhe und Freiheit leben. Seine Mutter hingegen und seine Schwägerin mit Kindern dürfen ohne Mann und ohne Vater irgendwo im Nirgendwo den Rest ihres Lebens verbringen … Aber es gibt natürlich auch die, deren Geschichte ich glaube und die ich achte, wie z.B. die alte abgearbeitete Frau mit Kopftuch gestern, die zwischen ihrer in Österreich als Flüchtling anerkannten Tochter und ihren Söhnen in Tschetschenien langsam aber sicher aufgerieben wird.

Ich möchte so gern an das Gute im Menschen glauben … auch an das Gute in mir. An die Liebe in mir möchte ich glauben! Ich fürchte, das wird eine lebenslängliche Illusion bleiben. Wir sind alle miteinander ziemlich menschliche Menschen, fürchte ich.

Ich werde nie ergreifende Flüchtlingsgeschichten schreiben können, Samuel T. Auch wenn ich weiß, dass ihr mit und ohne Lügen das Recht habt, unsere scheinheilige Idylle über den Haufen zu rennen.

Zeit, wieder zu schreiben?

vielleicht …

Gestern habe ich gelesen, Theresa aus Kalkutta habe gesagt: “Man kann nicht lieben, bevor es nicht auf eigene Kosten geht.”

Heute sitze ich vor meinem Sonntagsfrühstück mit weichem Ei, Käse, Biotopfen, bade in sauteuren Kirschen, Erdbeeren, Pfirsichen, Tomaten und mein Blick fällt auf das kleine Glas mit der noch sauteureren Marmelade mit Apfelsaftkonzentrat gesüßt …

Ich schäme mich.

gemEinsam

= ein Wortbild, das zwangsläufig auftaucht, wenn ich die Flüchtlingspolitik der EU und die ersten Fußstapfen von Donald Trump in der Weltpolitik sehe; genauso zwangsläufig wie die Gänsehaut auf meinem Rücken …

So viel zu tun …

Und noch so viel zu lernen … Mein altes, eingetrocknetes Gehirn …

Und am Abend einfach müde … nix Blog schreiben …

Und wenn dazwischen einige Tage frei sind … Hirn und Kopf durchlüften … wieder nix Blog schreiben …

Aber wenn die Routine irgendwann ihr Zelt bei mir aufschlägt … w/dann?

Bezeichnend?

Der erste Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (die Behörde, die in Österreich über Asylanträge entscheidet), den ich zu Gesicht bekomme:

Im SPRUCH wird über den Antrag eines MAROKKANERS entschieden: a) Asyl abgelehnt, b) subsidiärer Schutz angelehnt, c) humanitäres Bleiberecht abgelehnt, d) Rückkehrentscheidung (was soviel heißt wie: er muss nach Marokko zurück)

In der BEGRÜNDUNG stützt sich die Behörde auf die Einvernahme eines NIGERIANERS zu seinen Fluchtgründen. Ein Versehen, versteht sich. Ein falsches Protokoll, aus dem inkludiert wurde.

Nichts Schlimmes … Nur ein falscher Flüchtling.

Herz statt Blei

Ich will 2015 mit dem schönsten und wahrhaftigsten Neujahrsgedicht beginnen, das ich kenne: Es spielt auf den Brauch des Bleigießens in der Silvester/Neujahrsnacht an.

neujahr

kein blei heuer

um sich

zu gestalten

zu gestalten

unter der

flamme

im

wasser

————-

lass uns unsere

herzen

nehmen und

sehen

was daraus

werden

wird

Marius Frey

PROSIT NEUJAHR

Mein Traum in der Silvester/Neujahrsnacht

Ich kam in meine Wohnung und da waren viele Menschen. Ich kannte keinen von ihnen. Sie waren offenbar eingedrungen, während ich nicht da war. Ich wollte wieder gehen und die Polizei verständigen, aber aus irgendeinem Grund blieb ich und verständigte niemand. Ich ging durch die Wohnung, durch die Menschen, die Wohnung wurde immer größer, von jedem Raum führte eine Tür in den nächsten und von diesem wieder in den nächsten, auf alle Seiten führten Türen in neue Räume, ich ging und ging. Immer mehr Räume, immer mehr Menschen. Und irgendwann wusste ich nicht mehr: Sind diese Menschen in meiner Wohnung oder bin ich in ihrer, oder …?

2014

Du warst kein angenehmes Jahr für mich.

Du warst angefüllt mit sehr viel Einsamkeit. Mit Ernüchterung. Mit Gehen, Stolpern, Irren durch die Fallgruben und Abgründe im Dschungel eines menschenunwürdigen Rechts. Aber irgendwann wurde mir plötzlich klar, dass ich in diesem Alptraum aus §§ und Unmenschlichkeit schnurstracks auf etwas ungeheuer Tolles zusteuere - auf die Erfüllung meines Kindheitstraumes. Ich weiß nicht, ob es ein Traum war oder ein Vorsatz. Ich glaube, es war beides. Wenn ich erwachsen bin, dachte ich als kleiner Knirps, werde ich Rechtsanwalt. Damit ich denen zu ihrem Recht verhelfen kann, die es selber nicht können. (Vielleicht, weil ich als Kind auch einen Engel (bitter nötig) hatte, der mich durch die Finsternis meiner ersten zwölf Lebensjahre führte.) Ein Rechtsanwalt bin ich zwar nicht, aber wenn ich über die nötigen Kenntnisse verfüge, kann ich als Juristin rechtlich beraten und vertreten, wen immer ich will. Ich darf es nur nicht erwerbsmäßig tun, wie ein Rechtsanwalt es tut. Das Ehrenamt steht mir offen. Und damit ich die Zeit bis zu meinem Pensionsantritt (in etwas mehr als einem Jahr) finanziell überbrücken kann, hat mir meine Mutter einen Vorschuss auf mein Erbe gegeben.

Alles in allem, 2014, wurde in deinen 365 Tagen ziemlich viel Liebe freigesetzt, eine von der Sorte, die man erst auf den zweiten oder dritten Blick wahrnimmt, weil ihr der Zuckerguss fehlt und jeder Schnickschnack.

Dafür ein riesengroßes DANKE!

helping hands und Asyl in Not

12 Abende “Einschulung Fremdenrecht” bei helping hands (www.helpinghands.at) sind vorbei. Sie waren zwar viel zu wenig, um das Monster Fremdenrecht in mein winziges, noch dazu schon ziemlich altes (und daher schon weises …) Gehirn hineinzubringen, aber sie waren GUT.  Ab Jänner möchte ich bei Beratungen zuhören / irgendwann mitmachen.

UND

Ab Jänner bin ich drei Tage pro Woche bei Asyl in Not (www.asyl-in-not.org/). Vorerst ein dreimonatiges Praktikum zur Einschulung.

Samuel … ich glaube, ab 5. Jänner wird’s mich altes Weibl durch die Gegend wirbeln!

FROHE WEIHNACHTEN!

Fünf Polizisten

standen am Gehsteig vor der U3-Station Hütteldorferstraße rund um eine Frau.

Ich war unterwegs zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes im Atelier INO, Treffpunkt Kunst, in der Gurkgasse, der u.a. von Irmi Novak veranstaltet wird, die in der Notschlafstelle VinziRast seit Jahren eine Malwerkstatt anbietet. Ich freute mich auf Irmi, auf ihre Bilder, die Lesung, aber in erster Linie kam ich wegen Heidi Kutka. Sie würde Geige spielen und ich wollte sie immer schon Geige spielen hören. Ich kannte Frau Kutka noch aus meiner VinziRast-Zeit 2011/2012. Sie war damals schon Gast der Notschlafstelle. Sie ist Ungarin, um die 40, leidenschaftlich, lustig, traurig, Alkoholikerin, ich glaube, sie ist eine Roma, dunkelhäutig, sie liebt und macht Musik.

Und siehe da. Wer war die Frau, um die sich die Polizisten scharten? Heidi Kutka …

“Sie hat randaliert!”

Ich nahm Frau Kutka bei der Hand, erklärte den Polizisten, dass ich sie kenne, wer sie ist, wo sie wohnt und dass wir beide jetzt auf eine Weihnachtsfeier müssen, weil sie dort Geige spielt … Vor lauter Aufregung fiel mir die Adresse der VinziRast nicht mehr ein. Blöde Kuh ich.

“Sie bezeugen ihre Identität?”

Mein Ausweis wurde eingehend studiert, meine Adresse und meine Telefonnummer notiert. ”Frau Dr.! Ich glaube nicht, dass diese Frau jetzt Geige spielen wird können!”

Freilich konnte sie. Aber aufgeregt war sie … “Ich hab vier Flaschen Wein vorher getrunken! Ich bin so aufgeregt!”

Ich habe sie anschließend noch in die Wilhelmstraße begleitet. Man kann nie wissen … Sie war so lieb. Hat meine Hand nicht losgelassen. Und jedem in der U-Bahn erklärt, dass ich ihr Engel bin.

5 Polizisten für eine Frau … Oder waren es nur 4? Auch mehr als genug.

Ist das Österreich? Oder nur Wien?

Ich kann es mir nicht vorstellen:

dass es ein einziges menschliches Wesen gibt, das in diesem Labyrinth von völkerrechtlichen, unionsrechtlichen und nationalen Regelungen nicht Platzangst bekommt oder zumindest massive Atembeschwerden …

dass es viele gibt, für die das ganz normal ist … spannend sogar, in den Olymp der Juristerei aufzusteigen …

dass es unzählige gibt, die dieses Labyrinth nicht einmal als Labyrinth empfinden, weil sie sich ausschließlich in einem winzigen Teilstück seiner zahllosen Verästelungen bewegen und dort “Recht sprechen” …

dass wir uns mit dieser finsteren Höhle zufrieden geben …

Hier sind die Menschenrechte zuhause? WO?

Mir fällt kein passender Titel ein …

Es gibt eine im gesamten Schengenraum verbindliche Liste der Drittländer (Staaten, die keine Schengenstaaten sind), deren Staatsangehörige beim Überschreiten der Außengrenze im Besitz eines Visums sein müssen (= Anhang I der Verordung (EG) Nr. 539/2001 idgF).

Zusätzlich gibt es für die besonderen Schwergewichte unter diesen Drittländern eine weitere, ebenfalls im gesamten Schengenraum verbindliche Liste von Ländern, deren Staatsangehörige auch zur Durchreise durch die Transitzone der Flughäfen der Mitgliedstaaten ein Visum brauchen (= Anhang IV der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 idgF, der sog. Visakodex). Es sind dies dzt. Afghanistan, Bangladesch, Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Äthiopien, Ghana, Iran, Irak, Nigeria, Pakistan. Also durchwegs Staaten, aus denen - berechtigte - Flüchtlingsströme zu erwarten wären.

Und dann gibt es noch Artikel 3 Abs. 2 Visakodex, der lautet: Einzelne Mitgliedstaaten können im dringlichen Fall eines Massenzustroms rechtswidriger Einwanderer verlangen, dass Staatsangehörige anderer als der in Absatz 1 genannten Drittstaaten (in Abs. 1 geht es um den gerade erwähnten Anhang IV) zur Durchreise durch die internationalen Transitzonen der in ihrem Hoheitsgebiet gelegenen Flughäfen im Besitz eines Visums für den Flughafentransit sein müssen.

Österreich hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Aus welchem Staat erwarten wir einen Massenzustrom rechtswidriger Einwanderer? SYRIEN (siehe § 8 Fremdenpolizeigesetz-Durchführungsverordnung)

helping hands

hat sich auf meine Anfrage schon gemeldet.
Info: Der Schwerpunkt dieser nichtstaatlichen Organisation liegt in der Rechtsberatung zum Fremdenrecht. (Fremdenrecht ist - seeehr grob gesprochen - alles, was Migration betrifft mit Ausnahme Asyl. Also: Einreise, Arbeit, Aufenthalt, Niederlassung, Aufenthaltsbeendigung.)
Vorgestern habe ich folgendes Mail geschrieben:

Ich bin 58 Jahre alt, war Verwaltungsjuristin beim Land Wien, habe mich vor 10 Jahren aus dem juristischen Bereich zurückgezogen und möchte jetzt noch einmal einsteigen, um mich ehrenamtlich im Bereich Asyl- und Fremdenrecht einzubringen. Ich habe nie in diesem Bereich gearbeitet, es würde mir aber sehr viel bedeuten, Flüchtlingen und “Fremden” zu helfen. Mit der Theorie habe ich mich in den letzten Monaten befasst und auch einige Seminare in der asylkoordination (Asylrecht, Fremdenrecht, Verwaltungsgerichtsbarkeit) besucht. Die Materie ist sehr vielschichtig, kompliziert und fürchterlich kasuistisch. Es würde mir beim Lernen und Begreifen sehr, sehr helfen, wenn ich in die Praxis hineinschnuppern und parallel zum Erlernen der Theorie eine Zeit lang bei Beratungen zuhören dürfte. Wäre das bei Helping Hands möglich?

Gestern (Sonntag!) kam die Antwort: Der fehlende rote Faden im Fremdenrecht sei ein bekanntes Problem. Daher biete helping hands zweimal im Jahr eine Einschulung an. Die aktuelle habe letzte Woche begonnen. Wenn ich will, kann ich dazu stoßen.

Und ob ich will! Wann? Heute 18 Uhr!
Samuel! Auf los geht’s los!
Scheußlich … Fremdenrecht … Abgrundtief scheußlich …


Herbst und Huhn und Mauerfall

Ein traumhafter Tag. Blitzblau. Ich mag den Herbst ungeheuer. Wenn alles so leicht wird, durchsichtig, schwerelos. Als würden die Grenzen sich langsam auflösen, die Erde abheben wie ein Luftballon.

Aber ich habe heute keine Zeit für eine Herbstwanderung. Ich werde mich jetzt gleich und sofort ins Kochen stürzen. Premiere: Brathendl mit Zwiebel und Fenchel. Mein langzeitarbeitsloses Backrohr wird gleich Stresszulage von mir verlangen. Es wird an zwei Tagen hintereinander benutzt …

Um 14 Uhr kommt Sohnemann zum Essen. Und ich hör jetzt auf, Unsinn zu schreiben. Aber es macht Spaß. Muss ja niemand lesen.

Wie Ammonshörner wohl aussehen? Wie du und ich? Prost Mahlzeit!

Lass die Mauer einfach fallen … Auch die um das Ghetto Europa … Die in unseren Köpfen, Herzen … Und dort, wo sie war, Lichter aufsteigen …

Eigentlich … soll(te) heute ein Anfang sein. Samuel T.

Ich hab dich nicht vergessen. Den 8. November (2010) auch nicht. 4 Jahre “danach” (siehe den vorigen Artikel) ist ein guter Tag für einen Anfang, dachte ich. Irgendetwas fängt am 8. November 2014 an. Vielleicht trete ich auf meinen wackeligen asyl- und fremdenrechtlichen Beinchen zum ersten Mal nach außen? Vielleicht fange ich wieder an ein Buch zu schreiben? Ein Gespräch mit dir? Endlich wieder Tagebuch schreiben! Wenn ich mich getäuscht haben sollte und heute nichts anfängt - das fängt an. Ein Collegeblock liegt schon monatelang da. Mein Brief an dich (Ende März!) ist das Erste und Einzige, das bisher drinnen steht. Aufs Deckblatt habe ich Ammonshörner geschrieben. Das Leben wird mich führen, dachte ich. Und du, den wir in die Donau getrieben haben. So, wie wir die Leute vor Lampedusa in den Tod schicken. Egal, ob wir euch gleich ersaufen lassen oder zuerst aus dem Wasser fischen und nach einem mehr oder weniger langen Leidensweg zurückschicken. Das eine geht schneller, hinterlässt aber leider gehäuft Leichen im Wasser. Das macht sich in der Presse nicht so gut. Wir sind so erbärmlich, Samuel! Sind wir tot oder ihr?

Also: Wenn heute ein Anfang ist: Was habe ich bis jetzt gemacht? Im nieseligen morgengrauen Novembergrau spazieren gegangen. Viel zu viel Geld zum Billa, ins Gemüsegeschäft und auf den Markt getragen. Eine dicke Kerze angezündet. In ein rabenschwarzes Loch gefallen. Ins Tagebuch geheult: “Würde ich dir gern folgen, Samuel? Ich will dich nicht stören, nicht belästigen. Ich halte es nur irgendwie nicht aus. Ich schaffe den Schritt hinaus nicht mehr. Scheiße.” Ein Mail an purple sheep geschrieben. Eines an helping hands. Eines an Netzwerk Asylanwalt und eines an Asyl in Not. Dann war’s mir besser und ich hab das neue Backrohr eingeweiht und einen Gugelhupf gebacken. Mohn. Orangenschalen. Das erste Stück habe ich gerade verspeist. Gar nicht so schlecht. Das zweite …

Den heutigen Tag hab ich mir anders vorgestellt. Ammonshörner! Wo seid ihr?

Ich muss dir jetzt schreiben. Samuel T.

Am 8. November 2010 (das Datum habe ich mir aufgeschrieben!) hab ich in der Fernsehsendung Thema einen Beitrag über dich gesehen. Am nächsten Tag hab ich gegoogelt und mir einen Presseartikel ausgedruckt. Es ist nur eine knappe Seite. Ich hab sie in eine Klarsichthülle gesteckt. Seither gibt es dich in meinem Leben. Und egal, wie tief ich dich unter Papierstapeln und Gesetzbüchern begrabe, du tauchst immer wieder auf. Und die Papierstapel werden immer höher und die Bücher immer mehr. Im Herbst vorigen Jahres hattet ihr wenigstens noch in einer Schublade Platz. In die hab ich euch nach jedem meiner gescheiterten Versuche, wieder in dieses strohtrockene Paragrafenzeug hineinzufinden, verräumt und weggesperrt. Dann war ich fast zwei Monate in Nepal. Dann war Weihnachten. Dann war Neujahr. Dann habe ich einen Großputz gemacht. Und seither …

ist die Schublade fast leer. Du liegst neben meinem Schreibtisch bei den Büchern, mit denen ich gerade irgendetwas zu tun habe oder haben sollte, meinem Teddybär und dem alten bemalten Elefant aus Ton, den ich aus  Nepal mitgebracht habe. Und im Wohnzimmer türmen sich Ordner mit Richtlinien, Verordnungen, Konventionen, Auszügen aus Unionsverträgen, EuGH-Erkenntnissen, Gesetzestexten und mittlerweile 11 Bücher. Und letzte Woche am Donnerstag und vorgestern und gestern war ich bei Seminaren in der Asylkoordination: BFA und Verwaltungsgerichte, Asyl- und Fremdenrecht – Neuerungen seit 1. 1. 2014). Gestern bin ich gegen 19 Uhr nach Hause gekommen und war fertig. Fix und foxi und aus und nichts mehr. Gleichgut kann man mich ohne Wasser in die Wüste schicken.

Deshalb muss ich dir jetzt schreiben, Samuel. Weil ich nicht recht weiter weiß. Ich bin jetzt 58. Übermorgen werden es 9 Jahre, dass ich die Juristerei gelassen habe. Ich wollte nie wieder den „Willen des Gesetzgebers“ spielen oder erforschen, nie wieder Maulwurfsgänge in Hallen der Weisheit uminterpretieren, nie wieder zu Formulierungen “Recht” sagen müssen, die zwischen Aktenbergen und Besprechungsterminen hingeschmiert und hinter gepolsterten Türen aufpoliert und zurechtgebogen wurden. Wie soll ich jetzt wieder zurück? Samuel! Ich kriege Platzangst in diesem Knäuel aus Mini-Fristen, Säumnisfolgen, Neuerungsverboten, Mitwirkungspflichten, fehlenden aufschiebenden Wirkungen, Aus- und Zurückweisungen, Aufenthalts- und Einreiseverboten, Rückkehrentscheidungen, Anordnungen zur Außerlandesbringung, Drittstaatsicherheiten, Schubhafttatbeständen, wegfallenden Befreiungsscheinen, unverändert aktuellen Beschäftigungsbewilligungen, Kontingenten u.u.u. Selbst wenn ein Wunder geschehen sollte und ich mir diesen Mist merke. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas bewegen kann in diesem Käfig (außer meinen Kopf gegen die Wand). Das Fremdenrecht ist ein Monster. Würde es nur einer Feder entstammen, könnte man sagen: der Ausfluss eines kranken Gehirns. Aber es basteln so viele Gehirne daran und ununterbrochen.

Ich schäme mich unendlich für „meine“ Gesellschaft. Ich glaube, das ist es, was ich dir heute in erster Linie und hier und jetzt sagen will. Sagen muss. Samuel T. Alles andere muss ich mit mir ausmachen.

Ich habe kein Gesicht zu deinem Namen. Ich weiß nur, dass es sehr jung sein muss. Auf einem meiner Khalil Gibran Lesezeichen, die mich in diesem grausigen Labyrinth begleiten, ist ein junges, dunkles Gesicht abgebildet. Man sieht eigentlich nur die Augenpartie. Alles andere ist in lachsfarbene Tücher gewickelt. Der junge Mann steht in der Wüste. Darunter der Text: Die Liebe und der Tod sind es, die alles verändern.

Samuel …

Zur Information:

Samuel T. kam im September 2005 nach Österreich. Er kam aus Äthiopien und war damals 14 Jahre alt. Er stellte einen Asylantrag und wurde in einem Heim der Caritas Graz für minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Er besuchte die Hauptschule und schloss auch den Polytechnischen Lehrgang positiv ab. In der Freizeit spielte er bei einem Verein in Graz Fußball. Sein Asylantrag wurde im Lauf der Jahre von allen Instanzen negativ beurteilt. Auch seine Beschwerde an den Verfassungsgerichtshof wurde im Dezember 2008 ab- oder zurückgewiesen. Im März 2009 stellte er einen Antrag auf humanitäres Bleiberecht. Für ihn wurde es eng. Er wurde volljährig. Und das hieß: Die mit der Abweisung seines Asylantrags verbundene Ausweisung wurde nach seinem 18. Geburtstag durchsetzbar und er konnte abgeschoben werden. Im Sommer 2009 wurde er in Schubhaft genommen. Aber den Behörden gelang es nicht, ein Heimreisezertifikat für und von Äthiopien zu besorgen. Samuels Beschwerde gegen die Schubhaft wurde stattgegeben (sprich: sie wurde als rechtswidrig festgestellt) und es wurden ihm 2100 Euro Schaden- oder Kostenersatz zuerkannt. Dafür wurde er aus der Grundversorgung in Graz entlassen und stand jetzt auf der Straße. Er ging nach Wien. Zuerst wohnte er bei Freunden, später kam er in einem Caritas Heim unter. Über seinen Antrag auf humanitäres Bleiberecht wurde nicht entschieden. Im August 2010 versuchte er zum ersten Mal, sich das Leben zu nehmen: Er trank Lauge. Aber er konnte im Otto-Wagner-Spital gerettet werden. Dort sprang er aus dem zweiten Stock und zog sich schwere Verletzungen zu. Er wurde ins Hanusch-Krankenhaus überstellt und verbrachte einige Zeit im künstlichen Tiefschlaf. Am Freitag, dem 1. Oktober, wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Er konnte wieder selbstständig gehen. Zehn Tage später wurde seine Leiche bei Hainburg aus der Donau gefischt.

Ich bin jetzt dort

wo es vor lauter §§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§§    kein Recht mehr gibt. Es ist wie in der Wüste hier.

Trotzdem. Heute ist der Tag der Jungen Sonne. FRÜHLINGSBEGINN.

Ich bin wieder da und ich fange wieder an

mich mit dem Koloss FREMDENRECHT auseinanderzusetzen. Heute. Es/Er lässt mir ja doch keine Ruhe. Und der Schlaganfall von Ute Bock auch nicht. Und mein lieber Exmann (Ich danke dir!) auch nicht.

Und nebenbei bin ich auf Jobsuche.

Wird ein spannendes Jahr. 2014. 11 seiner 12 Monate noch unbekannt. Ein Xenos, ein Fremder, der in jeder (noch so gut verriegelten) Tür in jedem (noch so abgeschotteten) Staatsgefüge steht mit seinem großen Sack voller … ? … Überraschungen. Jeder Augenblick, der auf mich zukommt, ist ein Fremder, noch nie dagewesen in meinem Leben. Wenn kein Augenblick mehr vor mir liegt, bin ich tot.