Ich nehme es mir.
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Ich nehme es mir. Heute vor einem Monat habe ich die erste Eintragung in diesem Weblogbuch gemacht. Motorstart und Leinen los. Heute ist Frühlingsanfang und der Boden unter den Füßen ist weg. Was ich nicht weiß: Segle ich oder rudere und fische ich im Trüben? Vor mir (am Schreibtisch) eine Ansichtskarte mit dem Hohelied Salomos von Chagall und das Fremdenrechtspaket. Die Konturen zumindest stimmen. juckt es mich überall. Vielleicht, weil ich nicht aufhören kann an sie zu denken. Hast dich in den letzten Tagen, Wochen ein bisschen zu weit hinausgelehnt, Mädel. Wieso musst du dich auch auf alles so einlassen, was du tust.Wieso musst du immer alles durchleuchten, bis in den letzten Winkel ausleuchten, dir alles anschauen, jeden Dreck, dir ihre ganze Hässlichkeit mit dem Schöpflöffel geben, wenn du nicht fertig wirst damit? Wieso willst du nicht begreifen, dass sie sich lieber auffressen lassen von ihren hunderttausend Viechern als sich helfen zu lassen? Wieso kannst du nicht annehmen, dass sie nichts mehr sehen außer ihre Schnapsflasche und mit der Welt nichts mehr zu tun haben wollen, sie aber gleichzeitig herausfordern, ihr mit dem nackten, superdreckigen Arsch ins Gesicht springen, von ihr fordern und selbst nichts geben außer Gestank und Flöhe, ihre Umgebung reizen bis zur Weißglut und nicht einmal mehr mitkriegen, wie sie stinken und spucken und kilometerweit unter jeder Kritik sind, dass sie draußen stehen vor der Tür und hereinkläffen wie Hunde auf den Mann, der diese Tür bewacht, aber nicht, weil er so böse ist, sondern weil sie so agressiv sind, weil sie alle und jeden beschimpfen, wenn man sie hereinlässt, und nur aufhören damit, wenn ihre Lippen die Schnapsflasche finden und sich an ihr festsaugen, an ihr nuckeln wie an der Mutterbrust?Wieso schaffst du es nicht bis hin zu diesem heroisch selbstlosen Satz, der durch die niederschwelligsten Notschlafstellen geistert und Scharen von Ehrenamtlichen anzieht und beflügelt: “Sie sind, wie sie sind und wir nehmen sie, wie sie sind”? Wieso willst du ihre Flöhe nicht? Und wieso schehrst du sie alle über einen Kamm? Schön hilflos. die nicht einmal bereit sind jeden Tag den einen Euro für Bett, Wärme, Dusche und Essen zu geben, versaufen das Geld lieber und lassen sich hier bedienen und verteilen in ihrer grenzenlosen Selbstlosigkeit Krätzen, Läuse, weil sie nicht bereit sind … Konrad ist klein, mager, das Gewand steht, davon bin ich überzeugt, auch ohne den Herrn, die Haare krümmen sich in alle Richtungen, mittellang, die Hände meistens schwarz, es gibt keinen, dem ich die Dusche so wünsche wie ihm, wenn er hin und wieder etwas isst und wenn er dabei redet, spuckt er, den Speichelfluss hat er nicht unter Kontrolle, das Gleichgewicht auch nicht, Alter irgendwo zwischen 40 und 60, streiten tut er, freundlich ist er, um halb zehn am Abend wankt er bei der Tür hinaus. Was ist Hoffnung und wer hofft hier was? Und was, wenn Konrad etwas anderes hofft? Als wer? In Wikipedia wird Hoffnung haben (heute) definiert mit “eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung dahingehend haben, dass etwas, das dem Hoffenden wünschenswert erscheint, in der Zukunft eintritt, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.” Konrad wünscht sich, nehme ich an, dass in den Flaschen, die er einsammelt, noch etwas drinnen ist. Ein hoffnungsloser Fall? Desolat sein dürfen. Vielleicht wünscht er sich das auch. Ist kein Menschenrecht, Konrad. Zwei Ehrenamtliche im Empfang, zwei Ehrenamtliche in der Küche, eine Ehrenamtliche spielt mit den Gästen Karten (nicht nur einer von ihnen sagt “Mami” zu ihr), ein junger Mann ist am Computer mit Listen, Formularen beschäftigt (”Ich bin für den Krimskrams zuständig.”), zwischendurch kommt eine Frau vorbei, die am Nachmittag mit ein paar Gästen irgendwo Keramik bemalt hat … Das ist nur das, was ich gesehen habe. Es gibt noch viele zusätzliche Angebote und Aktivitäten. Es gibt Expertenrunden, Werkstätten, jede Menge Sponsoren, Rechtsanwaltskanzleien kochen hier, Spendenfirmen, und, und, und. Wer hier einen Platz findet, ist gut aufgehoben. Sauber, gepflegt, liebevoll, hilfsbereit, auf gleicher Augenhöhe mit den Gästen. So gut wie alles ehrenamtlich. Es gibt nichts, nicht einmal einen Beistrich auszubessern. Hier ist kein Mehr, auch nicht an Ehrenamtlichen, nötig. Nächste Woche mache ich noch einen Abenddienst, aber nicht, weil ich gebraucht werde. Dann gehe ich wieder. Mein Platz ist dort, wo es (noch) nicht perfekt ist. Sonst würde mich keine nehmen. Ich bin offenbar ein höchst suspektes Subjekt. Mit meinem Blog. Mit meiner fehlenden Bereitschaft mich auf eine eingrenzen zu lassen. Mein Verdacht, dass ich den Gästen in einigen Punkten sehr ähnlich bin, erhärtet sich von Tag zu Tag. Ich befürchte sogar, ich bin ein ziemlich schwerer Fall von Eingliederungsresistenz. Im Namen aller schweren Fälle - ein dickes DANKE an die, die uns trotzdem wollen, die uns annehmen und sein lassen, wie wir sind. Dabei dachte ich, an diesem Abend gibt es nichts Schönes, der Dimmer muss kaputt sein, das Licht viel zu hell, keine verschwommenen Farben, die Konturen klar, überdeutlich. Dabei waren die Grenzen verschwommener als an jedem anderen Abend. Hätte man August (der Ehrenamtliche, der Nachtdienst hatte) unter die Gäste gemischt, ich hätte geglaubt, er ist einer von ihnen, so wenige ungepflegte Zähne hat er im Mund. Und ich habe mich in den fünf Stunden, die ich dort war, nicht nur einmal gefragt, wieso ein Mann ehrenamtlich in einer Notschlafstelle mitarbeitet, der Obdachlose als Gesindel bezeichnet und kein Problem damit hätte, dass wir (wir waren zwei Antikochfrauen in der Küche) “ihnen Wasser und Brot vorsetzen”, wenn uns das Kochen keinen Spaß macht. Ein trockener Abend. Dürr. Es fällt nichts vor. Gar nichts. Als die Steppe droht in Wüste überzugehen, fängt Bruno an. Eine tiefe Stimme mit/in lachenden Augen, ein Zweimetermann, der sich um eine Gitarre wickelt, Volkslieder aus Polen, einfach super. Ich wusste bis jetzt nicht, dass es hier Musiker gibt. Und Simsalabim. Die Einöde hat wieder Farben. Die Mundwinkel gehen nach oben und bleiben dort. PS: Dieser Abend liegt Tage zurück. Es muss sich also niemand angesprochen fühlen. Gestern habe ich mir das gedacht und ob ich sie nicht viel zu schön schreibe. Dreckig, viele sicher verlaust oder/und mit anderen Tierchen bevölkert, nur wenige würde ich nicht unter die Dusche stecken, wenn ich könnte (und dann jemand anderen die Dusche putzen schicken, weil mir/mich graust), die Haare stehen ihnen zu Berge, die Zähne braun oder bis auf ein paar heroische Einzelkämpfer nicht vorhanden, die Hosen baumeln zwischen den Knien mit den wackeligen Beinen um die Wette, die grauenvollen Trauerränder unter den Nägeln klammern sich an den Suppenteller (flache Teller sind ohnehin undenkbar), als würden sie auf einem Schiff bei starker Schräglage gegen den Wind ankämpfen. Nicht alle. Aber viele verabschieden sich in diese Welt, strecken nur mehr die Hand herüber mit dem Suppenteller. Gestern hatte ich den Eindruck bei einigen massiv, dass es da bestenfalls noch ein Fenster gibt, eine Durchreiche fürs Essen. Trotzdem tue ich die Arbeit in der Notschlafstelle gern. Ich koche sogar. Vor drei Wochen noch undenkbar. Für vierzig Leute. Und ich freue mich, wenn eine Hand ein zweites Mal durch die Durchreiche kommt. Viele von ihnen sind Originale, nicht austauschbar, auch ihre Namen sind nicht austauschbar. Wahrscheinlich gibt es in Wien hunderte mit dem Namen Charly, Eddy, Billy, Adam, Eva und niemand würde bemerken, von wem ich spreche. Trotzdem. Niemand wird hier bei seinem Namen genannt. Das ist die Grenze. Also bitte ich um Entschuldigung, wenn ich auf eine Packung Manner-Wafferln eine Hofermarke draufschreibe. Eine schmale Treppe ganz hinten an der rechten Längsseite der Kirche (wenn man von der Mariahilfer Straße kommt). Die Treppe hinunter. Eine Tür. Unscheinbar, ich glaube unbeschriftet und wenn doch beschriftet, sehr unauffällig. Die Tür auf. Das erste eine Waschmaschine, die rumpelt. Das zweite eine freundliche, blonde Frau, die einem dünnen, kleinen Mann die Haare schneidet (eine Friseurin, die einmal im Monat herkommt und den Leuten, die wollen, die Haare schneidet, ehrenamtlich, versteht sich), daneben ein Mann mit Rasierschaum im Gesicht, ein anderer über eines der Waschbecken gebeugt wäscht sich die Haare, er wird der nächste sein “beim Friseur”, die Wände verfliest, weiß, der Boden auch, ein paar Türen, ich nehme an WC und Duschen. Ich bin in der GRUFT. Ehrenamtliche brauchen sie zur Zeit keine, aber ich darf an einer Führung teilnehmen. Wir sind zu dritt, zwei Mitarbeiter eines Übergangswohnheimes der Stadt Wien und ich. Da die Gruft nicht viel mehr als ein Raum ist, besteht die Führung zu 95% aus Sitzen, Reden und Schauen. Alles, was ich höre und sehe, gefällt mir, beeindruckt mich. Das Gewölbe, dieser Raum, in dem alles stattfindet, alles Platz hat, der so vollkommen genutzt wird, in dem es keinen Quadratzentimeter gibt, der keine oder nur eine Funktion hätte, die Menschen, die hier arbeiten, man sieht ihnen an, dass sie hier arbeiten, jeder von ihnen steht mit vier Füßen am Boden und hinter dem, was er tut, hier findet man nichts feingliedriges, nur eine 150%ige unsentimentale Wärme, diese Leute holen Leute aus dem Dreck, gehen in der Nacht hinaus, suchen sie, reden mit ihnen, verarzten sie, halten ihnen die Hand hin, Jahre lang, wenn es sein muss, holen die, die die Hand irgendwann nehmen können, wieder ins Boot, entlausen sie, waschen sie, kleiden sie ein, helfen ihnen wieder auf die Beine, fangen ganz unten mit ihnen wieder an, bei der Geburtsurkunde, dann kommt der Staatsbürgerschaftsnachweis, der Meldezettel, plötzlich haben sie wieder einen Platz, wo sie hingehören, Regeln, an die sie sich halten, ein Dach über dem Kopf, in der Nacht eine Matte neben vielen Matten (bis zu 90 Menschen schlafen in diesem Raum, einmal waren es knapp über 100), untertags Wärme, nicht allein sein, regelmäßiges Essen, jeder soviel er will und annehmen kann, dann kommen die nächsten Schritte, Sozialhilfe, Pensionsansprüche geltend machen, hinführen zu einer Schuldnerberatung, der erste Schritt zum AMS, zu einer Therapie, zu einem Zimmer in einem Übergangswohnhaus, zu einer Wohnung … Und das alles passiert in diesem einen Raum, aus diesem einen Raum heraus, einer Gruft unter einer Kirche. “Die Geister hier sind uns gut gesinnt, glaube ich.” Kein Wunder bei der Masse Leben, das sich hier abspielt. “Ich glaube nicht, dass es gut ist in verschiedenen Einrichtungen gleichzeitig mitzuarbeiten. Man kommt gar nicht umhin zu vergleichen, hier ist das besser, dort das. Außerdem ist man nie ganz hier und nie ganz dort und wenn man so etwas macht, sollte man es ganz machen.” Ich mache, was ich mache, ganz. Aber ich mache es anders ganz, das stimmt. So würde ich etwa nie auf die Idee kommen den Begriff Obdachlosigkeit auf eine Gruppe von Menschen zu beschränken, die in ihrer momentanen Situation kein manifestes Dach über dem Kopf haben. Danke trotzdem für das lange Gespräch und die Möglichkeit mir das wunderschöne Haus anzuschauen und anschließend zehn Minuten mitzuerleben, wie liebevoll und achtsam hier die Menschen miteinander umgehen. Hier herrscht kein gemäßigtes, liebliches Klima, hier werden die Dinge beim Namen genannt, Gelegenheiten beim Schopf gepackt oder erwürgt, hier ist nichts mittelmäßig, hier geht es um die Wurscht, hier passiert etwas, weil die Menschen einander und ihrem Elend nicht aus dem Weg gehen. Wer immer hierherkommt (Gastgeber oder Gäste) nimmt sich, braucht etwas von der Energie dieses Ortes, hat etwas beizutragen zur Wärme, die hier produziert wird, die eine andere ist als die in den wohltemperierten Wohnzimmern, das Zusammenrücken, wenn es draußen kalt ist, das Zulassen von Nähe, auch von Hoffnungslosigkeit, Weinen dürfen in Startlöchern, die man vielleicht nicht nutzen wird können. Mehr oder weniger geschützte Buchten, Inseln im Strom, der angepeilte Zielhafen so gut wie nie, Verkehrsknotenpunkte immer, Tankstellen, Zapfsäulen, keine Abstellplätze für Autos ohne Pickerl. Jeder bewerkstelligt sein Leben so gut er kann. Ausgebandelte Existenzen, zertrümmerte Hirne und kaputte Körper findet man überall. Viele sind nur zu faul für das Elend. Notschlafstellen sind Persönlichkeiten, jede unverwechselbar, nicht austauschbar gegen eine andere, jede in ihrer Art notwendig, ihr Eigensinn gefragt, auch gefordert, nicht jede geeignet für jedermann, nicht einmal für jeden Ehrenamtlichen, in jeder fast jeden Tag jedes verfügbare Bett ausgelastet, jede unverzichtbar nicht nur für die, die dort bewirtet werden und die Nacht verbringen. Keine dieser unscheinbaren Kostbarkeiten sollte geschlossen werden dürfen, weil nicht genug Geld aufzutreiben ist für ein Dach über ihrem Kopf. Irgendjemand müsste verbieten, dass Menschen auf die Straße geschickt werden mit ihren Säcken voller (Un)Fähigkeiten, (Alp)Träume und Ideale, nur weil daraus kein Geld zu machen ist und dafür sorgen, dass es einem nicht so schwer gemacht wird mehr oder etwas anderes mit/in seinem Leben anzufangen als den Konsum anzukurbeln, damit die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, diese dicke, fette Kuh. Ich darauf: “Dann würde ich vorschlagen, ich komme erst wieder hierher, wenn ich aufgehört habe dort mitzuarbeiten.” Ich verstehe schon. Zwei Notschlafstellen, die einmal eine Notschlafstelle waren. Das ist wie nach einer Scheidung. Trotzdem ist es schade. Ich hatte nicht vor die Informationen von hier nach da und von da nach hier zu tragen. Ich hätte mich schon bemüht die Eigenheiten beider Einrichtungen zu akzeptieren und zu respektieren und die Unterschiede nicht in Plus und Minus zu teilen sondern als Bereicherung zu sehen. Ich bin kein Spion. Ich arbeite nicht für eine Seite mehr als für die andere. Ich möchte mir nur ein Bild machen von den einzelnen Einrichtungen und vom Ganzen. Und das bekomme ich (nur) so. Enttäuscht? Ja und nein. Mehr nein als ja und das Nein wird immer größer. Auch im Bereich der weihrauchverdächtigsten Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe wird mit Wasser gekocht. Das kleinliche Hick-Hack und persönliche Empfindlichkeiten gehören hier genauso dazu wie überall sonst. Und gleich das, vor dem ich mich am meisten fürchte: die Köchin (sprich: die Frau, die an diesem Abend das Kochen übernehmen wollte) ist ausgefallen. Aber Albrecht hat einen Hilferuf in die Schar seiner Ehrenamtlichen getan und eine liebe, kleine, junge Französin, ich nenne sie Christine, ist gleich gekommen um mir zu helfen. Als Erstes eine Bestandsaufnahme: zwei große Schüsseln Nudeln von gestern sind da, zwei bis drei Portionen Linsensuppe, auch von gestern, Zwiebel, Karotten, Sellerie, ein Sack grüne Paprika, Kartoffeln, Müsliriegel, Lebkuchen, ein Karton Brot und Gebäck, Käse, Wurst, Aufstriche, ein paar überdimensionale Tuben Mayonnaise. In meinem Antikochgehirn türmen sich die Fragezeichen, aber Christine als “alter Hase” (sie arbeitet seit drei Monaten als Ehrenamtliche hier mit) hat sofort ein Menü beisammen:
Wir schnipseln und schneiden und irgendwie verwandelt sich diese lose Ansammlung von Nahrungsmitteln in ein durchaus brauchbares Abendessen für nicht weniger, vielleicht sogar mehr als 40 Leute, während wir uns gegenseitig abtasten, erzählen, was wir so tun im Leben, sie mir das Aufgabenfeld einer Zeitungskoordinatorin erklärt und ich mir denke, was für tolle Menschen man kennenlernt, wenn man sich ein bisschen aus dem üblichen Rahmen hinausbewegt und ziemlich zufrieden bin, sogar dann noch zufrieden bin, als mir klar wird, dass eine der Riesentuben Mayonnaise so gut wie vollständig im Nudelsalat verschwunden ist. Und ich werde noch viel zufriedener, als es an der Küchentür klopft. Ein Mann kommt herein, nickt uns zu und legt eine Tafel Marzipan-Schokolade auf den Tisch. “Heute ist der 8. März. Frauentag. Bei uns in Bulgarien ist es üblich, dass man den Frauen an diesem Tag etwas schenkt und sich bei ihnen bedankt. Danke schön für alles.” Er gibt jeder von uns die Hand und draußen ist er wieder bei der Tür. Fünf Minuten später der nächste. Ein Pole. Wir verstehen nicht, was er sagen will. Er geht und holt einen Dolmetsch. Wieder der 8. März. Wieder ein Danke. Der Mann ist riesig und steckt in einem riesigen Anorak. Er schaut auf uns zwei herunter, er hat keine Schokolade, er nimmt eine in den linken Arm, eine in den rechten und drückt uns an sich. Wir lachen alle drei von einem Ohr zum andern. Mir hat am 8. März bis jetzt noch nie jemand etwas geschenkt oder sich bei mir bedankt. DANKE! Nicht einmal zwei Stunden später stehen zwei 5(-10)Liter-Töpfe am Tisch, hinter dem Tisch eine junge Frau mit einem Riesenschöpfer, eine Studentin, sie lacht freundlich, herzlich, vor dem Tisch die Leute mit den leeren Suppentellern, einer nach dem andern füllt sich, ein Danke nach dem andern. Der arbeitslose Koch aus Bayern mit dem norddeutschen Akzent (”Ich habe lange in Norddeutschland gearbeitet. Das Bayrische haben sie nicht verstanden, also …”) wühlt in den Schränken mit den Spendenkleidern. Zwei vernudelte Hosen, drei vernudelte Hemden, eine Hand voll überbrauchte Unterhosen. Der Mann ist in meinem Alter. Eher jünger. Trinkt nicht. Raucht nicht. Ist sauber. Höflich. Freundlich. Wo ist der Hacken? Nachtrag vom 16.6.09: Ich glaube, doch der Alkohol … Oder? Ein ungemein hässliches Wort. Die Milbe, die zu diesem Wort dazugehört, ist ein Spinnentier. Die Weibchen bohren sich in die Oberhaut und legen dort in den Kanälen Kot und ihre Eier ab. Ihre Absonderungen bringen Bläschen, Pusteln, Quaddeln, alles Unmögliche hervor. Die Männchen gehen nicht in die Tiefe, sie wuseln auf der Hautoberfläche herum und suchen die Weibchen. Inkubationszeit drei bis sechs Wochen. Eine weitverbreitete parasitäre Hauterkrankung, ansteckend, aber “ein paar Tage Antibiotika und weg ist sie.” Trotzdem. Krätze ist eine Grenze, hinter der jeder vor mir sicher ist. Zumindest bis ich begriffen habe, warum jemand mit so etwas durch die Gegend rennt und die Leute rundherum ansteckt (”Viele haben das hier.”) und nicht und nicht bereit ist sich behandeln zu lassen. Man kann das auch ohne Krankenversicherung. In Wien auch ohne langwierige Anreise. Es gibt den Louise-Bus, der von Bezirk zu Bezirk fährt und keine Suppe bringt sondern ambulante, medizinische Erst- und Notversorgung, und es gibt die Barmherzigen Brüder, die Menschen ohne Krankenversicherung nicht nur ambulante sondern auch stationäre Betreuung anbieten. Man muss nur hingehen. Schamgefühl höre ich immer. Das Wort Rücksicht (bis jetzt) nie. Das bleibt an uns Ehrenamtlichen hängen mit oder ohne Spinnentier. Halb neun vorbei und +4 Grad. Der Wind geht zwar noch immer, aber es ist immerhin trocken. Und blitzblau. |
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